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Als Briefmarkensammler hat man es heute nicht leicht
Peter 24.7.2017

Die Leiden der klassischen Briefmarkensammler

Gestandene Briefmarkensammler haben es heute nicht leicht. Sie haben mit einer Menge von Schwierigkeiten zu kämpfen, denn „früher war alles anders und besser“…

Bedauernswerte Briefmarkensammler. Bedauernswerte „klassische Philatelisten“, wie man sie auch nennt und sie sich selbst bezeichnen. In den letzten drei Jahrzehnten wurde alles schlimmer. Die Philatelie war in den 1960er- und 1970er-Jahren ein hoch geachtetes und weit verbreitetes Hobby, in beinahe jeder Familie gab es zumindest einen Sammler und Briefmarkensammeln war im Trend. Das hat sich leider stark verändert: Briefmarkensammler unter 60 Jahren muss man bereits beinahe mit der sprichwörtlichen Lupe suchen, jedes Jahr werden es weniger Sammler, und Nachwuchs ist nicht in Sicht. Doch woran liegt dieser Niedergang der klassischen Philatelie?

Ein überzeichnetes Bild des klassischen Philatelisten (© shutterstock)
Ein überzeichnetes Bild des klassischen Philatelisten (© shutterstock)

Damals …

Zur Beantwortung dieser Frage muss man in der Zeit ein wenig zurückgehen. Zum Trend wurde das Briefmarkensammeln in den 1950er-Jahren, der große Boom erfolgte in den 1960er- und 1970er-Jahren. Damals waren die Prämissen und Umstände ganz andere als heute:

  1. Briefmarken waren allgegenwärtig. Wer immer etwas von A nach B schicken wollte, musste das mit der Post tun und musste Briefmarken zum Frankieren verwenden. Briefmarken konnte man buchstäblich an jeder Ecke kaufen.
  2. Kleines Freizeitangebot. In den 1960er-Jahren gab es nur einen Bruchteil an Freizeit- und Medienangeboten im Vergleich zu heute. Außerdem gab es weniger Wohlstand: Die Briefmarke als kostengünstiges „Tor zur weiten Welt“ bot sich als Freizeitbeschäftigung förmlich an. Es war daher sehr einfach, andere Menschen – Kinder, Verwandte, Freunde – vom Briefmarkensammeln zu überzeugen.
  3. Briefmarken als Wertanlage. In den 1960er-Jahren glaubte man noch, dass das Sammeln von Briefmarken eine kluge Wertanlage sei, man sprach sogar von der sogenannten „Aktie des kleinen Mannes“. Man ging von einem stetig wachsenden Markt aus und war davon überzeugt, dass zumindest der Nominalwert einer Marke erhalten bleiben und der Sammlerwert permanent steigen würde.
  4. Konservative Markenmotive. Klassische Philatelisten sind tendenziell eher konservativ und traditionell eingestellt. Die Briefmarkenmotive der deutschsprachigen Postgesellschaften bedienten in den der 60er- und 70er-Jahren diesen Geschmack. Gerne wurden berühmte Dichter und Denker, Trachten und Sehenswürdigkeiten dargestellt. Moderne Kunst oder soziale Themen gab es damals als Markenmotive praktisch nicht.
  5. Die soziale Komponente. Briefmarken-Sammler-Vereine schossen damals wie Pilze aus dem Boden. Dort konnte man leicht soziale Kontakte knüpfen sowie Wissen und Briefmarken austauschen.
  6. Briefmarken als „Forschungsobjekt“. Eine Briefmarke wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren noch hauptsächlich im Tiefdruckverfahren hergestellt, und beim Betrachten derselben mit einer Lupe tauchte man in eine andere Welt ein. Außerdem war der Herstellungsprozess noch nicht so präzise und Marken wurden oft in mehreren Auflagen gedruckt. Daher war die Qualität der Marken sehr unterschiedlich, und man konnte auf „Schatzsuche“ gehen: auf die Suche nach Druck-, Platten- und sonstigen Fehlern.
  7. „Ich zeig Dir meine, Du zeigst mir Deine“. Wenn sehr viele Menschen Briefmarken sammeln, findet man auch genug interessiertes Publikum, um seinen Schatz – die eigene Sammlung – zu präsentieren.
Links: Tiefdruck Marke von 1906 in der Vergrößerung | Rechts: Offset-Marke von 2006 in der Vergrößerung (© Godov Sander)
Links: Tiefdruck Marke von 1906 in der Vergrößerung | Rechts: Offset-Marke von 2006 in der Vergrößerung (© Godov Sander)

… und heute …

Vergleicht man die Prämissen und Umstände von vor 50 Jahren mit heute, so stellt man fest, dass sich vieles geändert hat.

  1. Briefmarken sind nicht mehr allgegenwärtig. Ja, die technische Entwicklung: Zuerst kam das Faxgerät, dann der Computer und das Internet und E-Mail, dann die Smartphones mit WhatsApp und Skype. Immer weniger wurde haptisch verschickt, und selbst dafür braucht man heute nicht mehr unbedingt Briefmarken.  Briefmarken sind folglich immer mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden.
  2. Großes Freizeitangebot. Heute steht das Sammeln von Briefmarken in Konkurrenz mit einer unglaublich Vielzahl von neuen und spektakulären Freizeitaktivitäten. Es ist sehr schwer geworden, andere Menschen vom Briefmarkensammeln zu überzeugen.
  3. Briefmarken als Wertanlage. Leider hat sich diese Idee als großer Irrtum herausgestellt. Ab den 1980er-Jahren war das Angebot größer als die Nachfrage, und der Sammlerwert stieg nicht, sondern sank. Spätestens mit der Euro-Einführung löste sich auch der Gedanke der Erhaltung des Nominalwertes in Luft auf.
  4. Moderne Markenmotive. Ab den 1970er-Jahren ging man auch bei den Markenmotiven mit der Zeit. Soziale Themen und moderne Kunst eroberten die kleinen Papier-Wertzeichen. Viele klassische Philatelisten leiden unter diesen Motiven, weil sie sie unpassend und hässlich finden.
  5. Die soziale Komponente. Heute gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, um soziale Kontakte zu knüpfen und Gleichgesinnte zu treffen, zum Beispiel im Internet. Daher leiden die Briefmarken-Vereine unter akutem Nachwuchsmangel.
  6. Briefmarken als Forschungsobjekt. Briefmarken als Forschungsobjekt geben heute nur mehr wenig her. Die meisten Marken werden mittlerweile im Offset-Druck hergestellt. Das bedeutet: Wenn man eine Offset-Marke unter der Lupe betrachtet, wird sie nicht schöner – so wie eine Tiefdruckmarke –, sondern eher hässlich und unscharf. Auch sonst gibt es bei den modernen Briefmarken wenig spannende Details zu entdecken – keine Plattenfehler, keine sonstigen Abweichungen.
  7. „Ich zeig Dir meine Sammlung“. Fand man früher jede Menge interessiertes Publikum für seinen Schatz, so wird der Satz „Ich zeig Dir meine Briefmarkensammlung“ von den meisten Menschen heute als Drohung aufgefasst und bewirkt eher Fluchtreflexe als freudiges Interesse.
Der unerfüllte Wunschtraum der Philatelisten: Interessierter Nachwuchs (© fotolia)
Der unerfüllte Wunschtraum der Philatelisten: interessierter Nachwuchs (© fotolia)

Provokant gefragt: Kann das Leiden der klassischen Briefmarkensammler gelindert werden?

Man sieht also, Briefmarkensammler – genauer gesagt „klassische Philatelisten“ – haben es heute nicht leicht. Besonders großes Kopfzerbrechen bereitet ihnen der fehlende Nachwuchs. Aber ist es wirklich so, dass sich niemand, der jünger als 60 Jahre alt ist, für die kleinen bunten Papierstückchen interessiert? Heißt es bald „Game over“ für das Briefmarkensammeln? Oder lassen sich mit frischen, anderen Zugängen vielleicht doch neue Sammler gewinnen? Ja, die gibt es: Lesen Sie dazu die fünf Gründe warum man JETZT Briefmarken sammeln sollte …

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