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Spektakuläre Semmeringbahn
Michaela 27.6.2017

Die Semmeringbahn – ab in den Süden

Im Grunde beginnt die Geschichte der Semmeringbahn mit der Sehnsucht der Österreicher nach dem Süden, nach dem Meer. Und damit kommt eine Stadt ins Spiel, die aus österreichischer Sicht der Zugang dazu war: Triest

Mit der Semmeringbahn zum Schloss Miramare Triest
Traumschloss Miramare in Triest: Österreichs Sehnsucht nach dem Meer (© RossHelen / shutterstock.com)

Bereits 1829 gab es Pläne, die Residenzstadt Wien mit dem wichtigen und zum Kaiserreich Österreich gehörenden Adriahafen Triest zu verbinden. In mehreren Teilabschnitten wurde die heutige Südbahn errichtet. Ein gewichtiges Problem dabei war der fast 1.000 Meter hohe Semmering, der Pass zwischen Raxalpe im Norden und Wechselgebirge im Süden, der für eine Eisenbahn schier unüberwindlich schien – und damit beginnt die Geschichte der Semmeringbahn, der ersten normalspurigen Gebirgsbahn Europas.

Hindernis Berg

Schon im Mittelalter hatte ein Saumpfad die Gebiete nördlich und südlich des Semmerings verbunden. 1728 ließ Kaiser Karl VI. eine erste Straße über den Berg errichten – mit Steigungen bis zu 17 Prozent. 1841 entstand dann die Semmeringstraße zwischen den damaligen Endpunkten der Bahn: Gloggnitz in Niederösterreich und Mürzzuschlag in der Steiermark. Dort mussten alle Güter von der Bahn auf Pferdefuhrwerke umgeladen werden, um über den Berg zu gelangen – nicht gerade effizient. Daher sah man eine durchgehende Eisenbahnverbindung von Norden nach Süden über den Semmering als unumgänglich an.

Der Eisenbahnpionier

Carl Ritter von Ghega Semmeringbahn
Carl Ritter von Ghega, Erbauer der Semmeringbahn (public domain / Wikimedia)

Mit der Planung wurde der Ingenieur Carlo Ghega beauftragt, Baubeginn war 1848. Noch vor der Fertigstellung wurde Ghega in den Ritterstand erhoben und hieß fortan Carl Ritter von Ghega. Er legte drei Varianten für die Semmeringbahn vor, realisiert wurde schließlich sein Konzept einer Adhäsionsbahn über die Strecke Payerbach-Reichenau, Eichberg und Breitenstein.

Der Bau der Semmeringbahn

Steigungen bis 25 Promille, enge Kurven, zahlreiche Brücken, Tunnels und Aquädukte machten die Bauarbeiten zu einer echten Herausforderung und auch zu einem gefährlichen Unterfangen. Rund 20.000 Arbeiterinnen und Arbeiter waren sechs Jahre lang an den verschiedenen Bauabschnitten beschäftigt – was der Staatsführung im Revolutionsjahr 1848 nicht unrecht war. Wirtschaftliche Not und hohe Arbeitslosigkeit waren wesentliche Gründe für die Aufstände, die Österreich und viele andere Teile Europas erschütterten.

Heute profitieren wir von der spektakulären Trassenführung, die die Semmeringbahn zu einer der schönsten Bahnstrecken der Welt machen. Auf den 41 Kilometern Streckenlänge hat man einen herrlichen Ausblick auf die Landschaft des Semmeringgebiets. Seit 1998 zählt die Semmeringbahn auch zum UNESCO-Weltkulturerbe als „eine herausragende technische Lösung eines großen physikalischen Problems in der Konstruktion früherer Eisenbahnen“.

Welche Lok kann die Semmeringbahn ziehen?

Nicht nur die Bahnstrecke selbst, sondern auch die Lokomotiven, die diese bewältigen sollten, waren eine technische Herausforderung. Es wurde eigens ein Wettbewerb zur Entwicklung geeigneter Dampflokomotiven ausgeschrieben. Vier Modelle kamen in die engere Auswahl, und sie mussten dann zur Probefahrt auf den bereits fertigen Streckenteilen antreten. Zwei Modelle aus Österreich, die „Vindobona“ und die „Neustadt“, konkurrierten mit der bayerischen „Bavaria“ und der belgischen „Seraing“ – letztlich entsprach keines davon vollständig den Anforderungen. Als Lösung wurde der Konstrukteur Wilhelm von Engerth beauftragt, die Vorteile der vier Typen in einer eigenen Konstruktion zu vereinen – und so kam es zum „System Engerth“ mit der Achsfolge C2t, der weltweit ersten praxistauglichen Gebirgslokomotive. Nach dem erfolgreichen Ingenieur wurde übrigens die Engerthstraße benannt, die durch den 2. und den 20. Bezirk in Wien verläuft.

Lokomotive System Engerth
Eine Lokomotive System Engerth (public domain / Wikimedia)

Der Kaiser fährt über den Semmering

Plakat der Südbahngesellschaft
Ab in den Süden: ein Plakat der Südbahngesellschaft aus 1898 macht Lust aufs Meer ( public domain / Wikimedia)

Am 16. Mai 1854 war es soweit: Kaiser Franz Joseph I. befuhr erstmals die Strecke der Semmeringbahn, und zwar gemeinsam mit Kaiserin Sisi und Carl Ritter von Ghega. Für das gewöhnliche Volk wurde die Semmeringbahn zwei Monate später benutzbar. Und bis heute ist die Bahn auf der mehr als 150 Jahre alten Strecke unterwegs, manchmal auch als nostalgischer Museumszug mit Dampfbetrieb. Namen wie Krauselklause, Viadukt Kalte Rinne, Gamperltunnel oder Wagnergraben geben schon einen ersten Eindruck der beeindruckenden Bauwerke, und Historisches wie die Burg Wartenstein oder die Ruine Klamm laden zu einem Ausflug in die Umgebung ein.

Besonders zu des Kaisers Zeiten war der Semmering ja ein beliebtes Ziel für die Sommerfrische und ein bekannter Luftkurort mit prunkvollen Grandhotels und Residenzen, und auch die ersten Wintersportler tauchten auf: 1893 soll am Semmering das erste Skirennen Österreichs stattgefunden haben. Noch heute ist der „Zauberberg“ am Semmering der Wiener liebstes Skigebiet. Und schließlich rückten mit der Eröffnung der Semmeringbahn der Süden und das Meer ein Stückchen näher an die Kaiserstadt Wien heran.

Die Semmeringbahn auf Briefmarke

Last, but not least: Natürlich wurde die Semmeringbahn schon mehrmals auf Briefmarken abgebildet, und auch der Erbauer Carl Ritter von Ghega wurde auf Briefmarken gewürdigt. Zusätzlich zierten die Bahn und ihr Konstrukteur auch die österreichische 20-Schilling-Banknote, die 1968 ausgegeben wurde.

Dieser Beitrag basiert größtenteils auf einem Text von Wolfgang M. Buchta im Jahrbuch der Österreichischen Philatelie 2015, mit freundlicher Genehmigung des Autors, der nicht nur Historiker, sondern auch Herausgeber, Verleger und Chefredakteur des Magazins Austro Classic ist:

www.austroclassic.at

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