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Briefmarke anlässlich Neujahrsansprache 2013 von Kim jong-un
RockTheStamp Redaktion 30.8.2018

Diktatoren – die Briefmarke als Ikonografie des Bösen

Diktatoren – finstere Gestalten, die das Land und ihre Menschen tyrannisieren – haben mich schon als Kind interessiert. Es ist die Faszination für das Böse, die anziehend wirkt und Angst auslöst. Gleichzeitig kann das Böse auch so banal und lächerlich sein. Konterfeis von Diktatoren finden sich auch auf vielen Briefmarken und ermöglichen den Zugang zu einem spannenden Briefmarken-Sammelthema, mit dem man tief in die Bereiche Geschichte und Politik eintauchen kann.

Mein erster Diktator war, wie kann es anders sein, Adolf Hitler. Hat dieser Mensch auf mich deshalb so beängstigend gewirkt, weil in unserer Familie so viel über „die Nazi-Zeit“ diskutiert wurde? Oder hatte der wirklich eine böse Aura? Irgendwie war er ja, zumindest in der Rückschau, auch ein bisschen lächerlich – ein grimmiger Louis de Funès. Als ich noch ein kleiner Junge war, in den späten 1960er-Jahren, gab es noch vereinzelt die Männer, die den Scheitel sehr akkurat auf der „falschen“ Seite trugen und dieses merkwürdige schmale Bärtchen unter der Nase. Ich war nie ganz sicher, ob ich mich vor denen fürchten muss oder über sie lachen kann. Lachen wirkt auf jeden Fall befreiend! Die Angst und die Banalität, das macht wohl die Faszination für mein, zugegebenermaßen, obskures Sammelthema aus. In diesem und einigen Folgeartikeln stelle ich Ihnen meine persönliche Diktatoren-Shortlist vor.

Briefmarke anlässlich Neujahrsansprache 2013 von Kim jong-un
Briefmarke anlässlich der Neujahrsansprache 2013 von Kim jong-un

Die Sonne des 21. Jahrhunders: Kim Jong-un

Der blade Kim, wie ich ihn nenne, ist der fleischgewordene Symbolträger eines Landes, in dem schlank sein nicht eine Frage des eigenen Lebensstils ist, sondern von der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln abhängt. Die Demokratische Volksrepublik Korea – so lautet die offizielle Bezeichnung – entstand 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Teilung der koreanischen Halbinsel in zwei Besatzungszonen. Der südliche Teil wurde von den amerikanischen Truppen besetzt, der nördliche von der Roten Armee. Mit einer Laufzeit von 72 Jahren gehört Nordkorea zu den stabilsten Diktaturen weltweit. Alle fünf Jahre finden Parlamentswahlen statt, 100 Prozent Wahlbeteiligung sind ebenso selbstverständlich wie der Brauch, dass der Chefposten innerhalb der Kim-Familie vererbt wird, und das auf Lebenszeit, auch klar. Also eine Diktatur mit monarchistischen Versatzstücken.

Briefmarke zum 66. Jahrestag des Korps der jungen Pioniere Nordkoreas
Briefmarke zum 66. Jahrestag des Korps der jungen Pioniere Nordkoreas. Kommt Diktator Kim auf Besuch, dann wird ausgelassen gefeiert und die Stimmung im Festsaal brodelt.

Von Kim Jong-un, der das Erbe 2011 von seinem Vater Kim Jong-Il übernommen hat, sind wenig biografische Details bekannt. Die Sonne des 21. Jahrhunderts erblickte vermutlich am 8. Jänner 1984 das Licht der Welt und hat mit hoher Wahrscheinlichkeit schon mal Schweizer Bergluft geschnuppert. Denn laut einem Artikel der NZZ lebte er ab 1996 bei einer Tante in Bern, der Tagesanzeiger zitiert zwei Schulkollegen, die behaupten, sie hätten mit Kim die Schulbank gedrückt. Sein Lieblingssport in dieser Zeit war demnach Basketball, und Jackie Chan-Filme hat er auch gern geschaut. Nach den Jahren in der Schweiz musste er wohl zurück nach Pyongyang, an die Militärakademie. Hier regt sich erstes Mal Mitleid.

Führerkult für eine Marionette

Gefällt ihm der Führerkult, mit gottähnlicher Verehrung, die streng disziplinierte Choreographie, die ihm bei Massenaufmärschen dargeboten wird? Oder hat er eine vage Vorstellung von dem, was passieren wird, wenn sich der Hass seines Volkes gegen ihn richtet und die nordkoreanische Nomenklatura ihm vielleicht die Gefolgschaft versagt? Sympathy for the Devil! Solch trübe Gedanken führen uns zu unserem nächsten Dikator.

Diktatoren Briefmarke: Nicolae Ceausescu
Diktatoren, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen, sterben meistens grausam. Nicolae Ceausescu ist ein prominenter Vertreter dieser Spezies.

Das Genie der Karpaten: Nicolae Ceaușescu

Vielleicht denkt Kim manchmal an Nicolae, der die Zeichen der Zeit auch nicht erkannt hat – ein klassisches Diktatoren-Schicksal. Ceaușescu war ein großer Fan des Führerkults wie er in Nordkorea gelebt wurde. Aber in Europa ticken die Uhren mittlerweilen anders. Als er im November 1989 nach Moskau reist, wird ihm dort vermittelt, dass seine Zeit reif ist, er solle von sich aus zurücktreten. Das Genie der Karpaten versteht die Welt nicht mehr und lehnt den Vorschlag brüsk ab. Einen Monat später, am 25. Dezember endet nach 24 Jahren seine Herrschaft, nach einer Orgie der Gewalt. War es Realitätsverweigerung oder hatte dieser Mann auch ein intellektuelles Problem? Vermutlich beides. Die Bilder und Videos von Ceaușescu haben etwas unfreiwillig Komisches, er wirkt wie eine Karikatur seiner selbst.

Denkmal von Nicolai Ceaucescu in seinem Geburtsort in Scornicești
Denkmal von Nicolai Ceaucescu in seinem Geburtsort in Scornicești

Der Auserwählte wird 1918 in eine einfache Bauernfamilie hineingeboren, als drittes von zehn Kindern wächst er in Scornicești auf. Und er hat das gleiche Problem wie der englische König George VI. – er stottert. Wahrscheinlich mit ein Grund, warum er keine Freunde findet und sich zu einem Einzelgänger entwickelt. Wie zu dieser Zeit üblich, endet für ihn als einfachen Bauernsohn die Schulzeit bereits nach vier Jahren. Mit elf Jahren beginnt für ihn also der Ernst des Lebens. Er muss seine Familie verlassen, zieht zu seiner Schwester nach Bukarest und beginnt dort eine Schusterlehre. An seinem ersten Lehrplatz scheitert er schon nach kurzer Zeit, aber beim zweiten hat er mehr Glück. Sein zweiter Lehrherr ist in der damals verbotenen kommunistischen Partei aktiv. Er schließt sich der Bewegung an und lernt dort seine spätere Ehefrau kennen, die ebenfalls aus ärmsten Verhältnissen stammende Lenuța Petrescu, die später zu Elena Ceaușescu wird.

Elena, die nur über eine sehr rudimentäre Schulbildung verfügte, promovierte mit „Unterstützung“ eines Universitätsprofessors im Fach Technische Chemie. Der Titel ihrer ambitionierten Doktorarbeit: Stereospezifische Polymerisation von Isoprensie. Sie avanciert damit zu einer angesehenen Wissenschafterin, deren Werke in 19 Sprachen übersetzt werden. Aber ihre „wissenschaftlichen“ Vorträge sorgen bestenfalls für Heiterkeit. Noch Größenwahn oder schon geisteskrank? Auch hier: vermutlich beides. Und während die Ceaușescus, wie es sich für Diktatoren gehört, in Saus und Braus leben – Elena Ceaușescu lässt schon mal englische Biskuits für ihren Hund einfliegen – leidet das rumänische Volk an Hunger. Das geht eine Weile gut, aber nicht auf Dauer. Als 1985 Michail Gorbatschow mit Perestroika und Glasnost den Umbau des gesellschaftlichen Systems der Sowjetunion einleitet, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Bruderländer. Spätestens im Sommer 1989, nach den ersten freien Wahlen in Polen und nachdem Tausende DDR-Bürger über Ungarn in die BRD ausreisen, ist klar: Der Ostblock ist politisch am Ende.

Briefmarke zum ersten Jahrestag der Revolution in Rumänien
Briefmarke zum ersten Jahrestag der Revolution in Rumänien

Der Sommer 1989 hat etwas Befreiendes, denn die stürmischen Veränderungen und der Kollaps des Systems verlaufen zunächst unblutig. Als aber im Dezember dieses Jahres in Rumänien das Volk auf die Straßen geht, wird versucht, die Revolution gewaltsam niederzuschlagen. Es folgt eine Eskalation der Gewalt, die in Erinnerung ruft, wie blutig wenige Monate zuvor der Volksaufstand in Peking – das Massaker vom Tian’anmen-Platz – niedergeschlagen wurde. Die Bilder der Straßenkämpfe aus Bukarest, die zu Weihnachten 1989 live im Fernsehen übertragen werden – auch das war ein Debüt –, bleiben unvergesslich. Ebenso die Fernsehbilder des kurzen Prozesses, der dem Ehepaar Ceaușescu gemacht wird. Das Todesurteil wird unmittelbar nach der Verurteilung im angrenzenden Kasernenhof vollstreckt. Mit einem barbarischen Akt beginnt Rumäniens langer Weg in die Demokratie.

Fortsetzung folgt.

Anmerkungen und Quellenangaben

  1. Der Begriff von der Banalität des Bösen hat Hannah Ahrendt geprägt. Ihr Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen wurde sehr kontrovers diskutiert.
  2. Die beiden Bilder von Adolf Hitler stammen aus dem Buch Das Hitler-Bild, das im Jahr 2008 im Residenz Verlag erschienen ist. Die Fotos wurden von Hitlers „Hof“-Fotografen Heinrich Hofmann aufgenommen. Die Aufzeichnungen stammen aus dem Nachlass des im Jahr 1997 verstorbenen Fotografen und Journalisten Joe J. Heydecker.

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Kommentare

    1. Hallo Frau Deisenhammer!
      Frauen von Diktatoren, die das Grauen aktiv mitgestaltet haben, gab es schon – Elena Ceaucescu fällt mir dazu sofort ein. Sonst ist in diesem Bereich die Emanzipation nicht sehr weit fortgeschritten (hoffentlich bleibt da so!).Ich werde hier noch weiter recherchieren. Vielen Dank für den Anstoß!
      Robert Knasmüller

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