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Simon 8.6.2017

1968 – ein aufregender Jahrgang

WICKIE, SLIME & ME & the revolution

Als einer, der in absehbarer Zeit seinen Fünfziger begeht – ich sage begeht, nicht feiert! –, nehme ich mir hiermit das Recht, ein klein wenig, dafür umso offener über meinen Jahrgang nachzudenken. Wenn man so wie ich 1968 geboren wurde und also Teil einer überaus prominenten Jahreszahl ist, muss man wohl oder übel zur Kenntnis nehmen, dass die Zeit der Jugend schon eine Zeit lang zu Ende ist und man schon „ordentlich“ zu den Erwachsenen zählt.

Ein schmerzlicher Prozess, gewiss; je erwachsener man ist, umso weniger kann man außerdem definieren, wann er denn „zu Ende“ ist. So ist das, und die Sicht auf das Leben und die Dinge verändern sich in dem Prozess, den jeder durchläuft, jenseits der Vierzig. Ich habe vor, mich mannhaft den Herausforderungen zu stellen, und dabei rücken entscheidende Fragen ungeschminkt in meinen Fokus: Was wollte und will ich in meinem Leben erreichen? Was interessiert mich wirklich? Und das auch noch heute? Und sogar: Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen, um als knapp Fünfzigjähriger noch ein letztes Mal ein Stipendium zur Förderung junger Talente zu erhalten? Geht das, macht das Sinn? Existenzielle Fragen, um deren Antworten ich mich unmittelbar nach Fertigstellung dieses Beitrags kümmern werde, versprochen!

1968 – das klingt schon so, oder? Jaja, ich weiß, es täuscht. Weil ich ja nicht einer von denen bin, die damals und so weiter, sondern nur ein Kind von denen, die damals und so weiter. Alles klar? Wie hat es so schön geheißen? „Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.“ Nein, so war das aber nicht, bei uns jedenfalls. Ich entstamme nämlich einer Familie, die sich dem Bürgertum der seinerzeitigen Enge der Wiener Sechzigerjahre mit Stock und Hut verschrieben hatte und, ja, man kann es so sagen, dieser starren „Bewegung“ mit konservativem Leib und römisch-katholischer Seele angehörte. Kurz, Sie wissen es jetzt schon: Ich bin ein Angehöriger der sogenannten „anderen 68er“, jener, die in diesem hochbrisanten Jahr das Licht der turbulenten Welt erblickten und fortan Gitterbetten und Sandkisten bevölkerten. Ein Babyboomer also. Einer, in dessen Umgebung die Werbe- und Bildsprache noch eine Zeit lang den legendären 50er-Jahren verpflichtet war. Siehe diese geradezu ikonografischen Briefmarken  – die allerdings allesamt erst nach der Jahrtausendwende von der Österreichischen Post in der Serie „Klassische Markenzeichen“ ausgegeben wurden.

Wien und ich liegen noch im „Dornröschenschlaf“ …

Von der knappen Perspektive des Gitterbettes und der Sandkisten aus waren mir und meinen Jahrgangskollegen jene Ereignisse, bei denen die Welt den Atem anhielt, und jene Themen, über die sich die Erwachsenen ihre Köpfe zerbrachen – richtig: völlig Wurst. Oder eigentlich nicht Wurst, sondern noch viel mehr: Sie existierten für uns überhaupt nicht! Was bedeutete schon der Vietnamkrieg gegen ein paar PEZ-Zuckerln? Wen interessierte der Prager Frühling, wenn man auch Manner Schnitten haben konnte? Wie wenig erfrischend war die Jugend- und Protestbewegung für uns Kinder gegen eine Schartner Bombe? Und wie gesund fühlte man sich neben dem kleinen Ich-bin-ich im Bettchen, selbst wenn die Eltern Abende lang über die Hongkong-Grippe sprachen? Zur selben Zeit, als in Paris im Mai 1968 die Studenten der Sorbonne ihre Stimmen gegen Krieg, Arbeitslosigkeit und Konsumgesellschaft und für die Friedensbewegung und die Demokratisierung der Gesellschaft erhoben, schob meine Mutter ihren Kinderwagen über die Mariahilfer Straße, von der Stiftgasse bis zum Technischen Museum, als anlässlich des 100. Geburtstages der Wiener Straßenbahn ein umjubelter und von tausenden Stadtbewohnern begleiteter Festzug stattfand. Glauben Sie mir: Das Goldene Wienerherz ward nicht erst da geboren, es existierte fürwahr auch schon lange vor dem Jahr 1971, als Papst Paul VI. Österreich als Insel der Seligen bezeichnete!

… während sich rund um 1968 in der Welt viel verändert – auch musikalisch

1968 – was für ein geburtenreiches Jahr! Prominente Beispiele gefällig? Felipe VI. zum Beispiel, der es immerhin zum spanischen König gebracht hat, ist ebenso mein Jahrgang wie Presleys Tochter Lisa Marie und DJ BoBo – nur um zu verdeutlichen, wie jung ich noch bin:-) Aber auch große Persönlichkeiten meines Heimatgrätzels wie der Landner Michi, der Höllerer Berni und die wunderschöne Moselhammer Gitti sind genauso alt wie ich, klar, sind ja auch alle mit mir in eine Klasse gegangen; in Letztgenannte war ich übrigens die ganze Volksschulzeit bis über beide Ohren aber sowas von verknallt. Das Beste an der Schule war ja immer das Nach-Hause-Gehen, weil wir da gemeinsam, die Gitti und ich, die Schottenfeldgasse hinübergegangen sind. Herrlich war das! Und während in meinem Kinderzimmer – ein paar Jährchen zuvor – noch Wiegenlieder erklangen, die mich in den Schlaf lullten, tobten andernorts musikalische Rebellen wie Jimi Hendrix, The Kinks, Steppenwolf und natürlich auch damals schon die Rolling Stones:

Briefmarke der Rolling Stones (2003), © Österreichische Post
Briefmarke der Rolling Stones (2003), © Österreichische Post

Überhaupt passierte so einiges, während ich meinen gesegneten Kinderschlaf hielt, so mancher zeigte seine „sympathy for the devil“ und ging gar nicht erst schlafen. Und weil ich für das legendäre Woodstock mit einem Jahr ebenfalls noch zu klein war, verpasste ich auch gleich noch das darauf folgende Musik-Jahrzehnt und erwachte erst so richtig Anfang der Achtzigerjahre zwischen harmonisch-kommerziellen Abba-Akkorden, doofem Bucks-Fizz-Gehopse und Rainhard Fendrichs „Strada del sole“. Nur, dass es bei mir umgekehrt war: Ich hätte damals liebend gerne aufs Gänsehäufl gepfiffen und stand schon als Kind auf Italien.

Wurde von den Kindern jedes Jahr mit Spannung erwartet: Die neue Eistafel von Eskimo; © gemeinfrei / Wikimedia
Wurde von den Kindern jedes Jahr mit Spannung erwartet: Die neue Eistafel von Eskimo; © gemeinfrei / Wikimedia

Ein Sommer ohne Twinny & Co – undenkbar!

Apropos Italien und Gelati usw.: Einer der Höhepunkte in jedem Frühjahr, ich erinnere mich ganz genau, waren die mit Spannung erwarteten Eskimo-Eistafeln, die wir Kinder stets einem sorgfältigen Studium unterzogen. Twinny, Jolly und Cornetto waren eh klar – aber was gab es wohl in diesem Sommer wieder Neues? Den „Blauen Riesen“ zum Beispiel, verboten süß und verboten farbstoffhaltig, sodass er im darauffolgenden Jahr wieder eingezogen wurde, weil vermutlich die Lebensmittelpolizei oder jene, deren Mitarbeiter ebenfalls Kinder in meinem Alter hatten, auf ihn aufmerksam wurden. Uns geborenen Achtundsechzigern war’s egal, cool wie wir waren, gab es doch eine Saison später wieder neue spannende Eiskreationen wie das spacige „Enterprise“ oder den blutroten „Draculino“ – allesamt zu sentimental machenden Preisen so um die drei bis vier Schilling.

Weil wir nun schon vom guten alten Schilling reden: Für eine österreichische Sondermarke musste man in dieser Zeit etwa auch so viel hinblättern, um sie in seine Sammlung aufzunehmen. Drei bis vier Schilling, so viel wie für ein Eis… Tja, das Verhältnis hat sich vielleicht gedreht, und nichts gegen ein Eis, aber: Briefmarken erzählen  – damals wie heute – Geschichten. Und das ist irgendwie unbezahlbar.

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